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Sexarbeit steuert ins Ungewisse

Wo unlängst noch Freierhorden aufeinandergeprallt sind, herrscht Leere, der Betrieb von Etablissements ist großflächig eingestellt worden, Grenzen sind geschlossen. SexarbeiterInnen, die schon länger unterwegs sind, irren auf der Suche nach einer Heimfahrgelegenheit herum, andere verlassen ihr Zuhause gar nicht mehr. Die Coronavirus-Pandemie hat die Sexarbeit zum Erliegen gebracht, dürfte sie aber, wenn die Krise einmal abgeebbt ist, neu schreiben.

Politische Unruhen, Terroranschläge, Naturkatastrophen, auch frühere Coronavirus-Wellen wie SARS und MERS, lösten regionale und globale Einbrüche bei den Geschäften zwischen AnbieterInnen und Kunden aus. Meist aber fasste die Sexarbeit rasch wieder Schritt – der Mensch neigt zum Vergessen. Oder, wie es Thorja von Thardor, Leiterin des Studiengangs Innovation und Management in der Sexarbeit an der FH TvT, im Gespräch mit SW.at formulierte: „Man passt sich an neue Unsicherheitsfaktoren an und wird resilienter gegenüber bestimmten Entwicklungen.“ Die derzeitige Krise aber sei einmalig, Vergleiche suche man vergebens.

Zwar würden die Erfahrungswerte steigen, doch nie zuvor sei die Gemengelage so komplex gewesen wie derzeit. Entsprechend unmöglich sei es, valide Prognosen abzugeben, so von Thardor. Die Szenarien würden von vielversprechend bis niederschmetternd reichen: Einerseits gebe es die Hoffnung auf eine von Nachhaltigkeitsgedanken und verträglicher Innovation geprägte Neuordnung. Demgegenüber stehe das Szenario eines globalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs und des Wiederauflebens abgeschotteter Nationalstaaten. Dazwischen scheint vieles möglich.

„Erfüllende Sexualität ist ein Menschheitstraum“

Bei der Beurteilung, wann und inwieweit Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden, würden viele Interessen eine Rolle spielen, letztlich aber könne allein die Politik entscheiden. Die aktuellen Zahlen zu Schließungen, Umsatzausfällen und Armutsgefährdungen in der Sexarbeit zeigen jedenfalls ein düsteres Bild: Kaum eine andere Branche ist stärker betroffen, alternative Einnahmemöglichkeiten sind selten vorhanden. Trotz staatlicher Hilfen in Form des Härtefallfonds müssen zahlreiche SexarbeiterInnen, in den stationären Etablissements ebenso wie Agenturen und Independent Escorts, ums Überleben kämpfen.

Von Thardor weckt etwas Hoffnung: „Der Mensch ist von jeher durch Begehren und die Sehnsucht nach Berührung geprägt, in sämtlichen Epochen spielte das eine große Rolle. Erfüllende Sexualität ist ein Menschheitstraum.“ Sexuelle Freiheit sei lange erkämpft worden – das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wurde 2008 durch die UNO als Grundsatz in den Rang der Europäischen Menschenrechtskonvention erhoben. Und an der Lust, Lust zu erleben, werde sich auch in Zukunft nichts ändern, so von Thardor.

Langer Weg zurück

Eine Normalisierung der Reisetätigkeit für die vor allem für Escorts zentrale Zielgruppe der Geschäftsreisenden  wird sich diesmal aber ziehen: Dass die Sommersaison für den Escortsektor noch ein Erfolg wird, gilt als nahezu ausgeschlossen. Profitieren könnte allenfalls die regionale Sexarbeit, also im näheren Umfeld. Ob dabei auch die bei heimischen Kunden beliebten Angebote in östlichen Nachbarländern punkten können, ist angesichts der derzeitigen Lage sehr ungewiss. Von Thardor: „Das Bewusstsein bezüglich möglicher gesundheitlicher Risiken wird viel stärker ausgeprägt sein.“

Der im vergangenen Jahrzehnt grassierende Ausverkauf im Billig-AO-Bereich durch das erklärte Geschäftsziel der maximalen Kundenfrequenz hat vorerst ausgedient. Plakativ dafür stehen die Diskussionen um Preisuntergrenzen in Studios und Laufhäusern. Einige BetreiberInnen forderten von den bei ihnen tätigen Damen, sie mögen Mindesthonorare aufrufen, die im Haus nicht unterschritten werden, obwohl dies dem Prinzip der Weisungsfreiheit in der Sexarbeit widersprach. Diese Untergrenzen jetzt einzuführen sei aber „undenkbar“, sagte eine namhafte Betreiberin, die nicht namentlich genannt werden will, Ende März. „Das Konzept, die Anzahl der Kunden einzugrenzen und somit die Qualität der Sexarbeit zu erhalten, bleibt jedoch aufrecht.“

Laufhaus ohne Besucherherden

Ähnliches hört man aus einem der größten Laufhäuser Österreichs: Pro Jahr kamen zuletzt fast 200.000 Besucher in das maximal 40 Damen beherbergende Laufhaus. Um die Massen einzudämmen und die Sicherheit im Haus zu erhöhen, wurde eine von außen nicht einsehbare Portiersloge am Eingang positioniert, Kameraüberwachung in allen Gängen installiert, sowie ein hauseigener Securitydienst engagiert, den die AnbieterInnen mittels Alarmknopf rufen können. An dieser Sicherheitsinfrastruktur wird laut Betreibern und Bezirksverwaltung auch in Zukunft trotz der zu erwartenden Flaute planmäßig festgehalten. „Ich glaube nicht, dass im Mai oder Juni überhaupt eine nennenswerte Anzahl von Kunden kommt, das kann aber nächstes Jahr schon wieder ganz anders ausschauen“, so der Betreiber. Er wolle langfristig planen.

Billig-Paysex neu bewertet

Die Krise biete bis dato überlaufenen Etablissements und AnbieterInnen die Möglichkeit, komplexere Strategien für Besucherlenkung zu entwickeln und nicht nur punktuelle Maßnahmen zu setzen, glaubt auch von Thardor. Sie erwarte „einen differenzierteren Blick auf das Thema Billig-Paysex“: Den Anrainern der entsprechenden Studios würden momentan die negativen Auswirkungen durch das Ausbleiben der Besucher vor Augen geführt. So sei etwa der Erhalt kleiner, traditioneller Wiener Imbissstuben, Wirtshäuser und Kioske wesentlich von den Besucherströmen der Billigstudios abhängig, da diese vor oder nach dem Studiobesuch dort noch eine Kleinigkeit essen und trinken.

Nun gebe es Gelegenheit, neu zu bewerten, welche realen Probleme hinter dem Billig-Paysex steckten und welche primär emotional gesteuert seien. Ansichten darüber, wie sich die Sexarbeit künftig entwickeln kann und wird, sind divergent: Einerseits werde sich nach Isolation und Kontaktverbot vermehrt das Bedürfnis einstellen, andere Menschen zu berühren, sagen Experten und hoffen PaysexanbieterInnen. Andererseits werden viele Menschen angesichts der wirtschaftlichen Lage das Geld für Dates und andere rotlichtige Lustbarkeiten kaum aufbringen können.

Und die Widersprüche setzen sich fort: Zum einen könnten nach der Kontaktabstinenz persönlich kontaktierbare Independent Escorts anstatt Agenturen wieder an Wertschätzung gewinnen, zum anderen würde derzeit – zwangsläufig – die digitale Kompetenz auch bei bisher nicht affinen Gruppen steigen und damit die Anbahnung noch stärker ins Internet verschoben werden.

Verlierer und potentielle Gewinner

Auch beim Angebot würden Licht und Schatten sehr nahe liegen, sagte von Thardor: Eine Marktbereinigung sei unausweichlich, diese werde vermutlich den bestehenbleibenden Unternehmen zugutekommen. AnbieterInnen, die sich während der Krise umorientieren, mehr auf gesundheitliche und nachhaltige Aspekte Wert legen würden, könnten aus der Krise als Gewinner hervorgehen.

Der Billigsektor aber werde nicht aussterben. Und auch langfristige Reisebegleitungen und Overnights würden sich wieder erholen – einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus bzw. wirksame Medikamente dagegen vorausgesetzt. „Inzwischen“, hofft von Thardor, könnte „ein neues Bewusstsein bezüglich der erotischen und intimen Ressourcen des Menschen“ wachsen und der Begegnungsfaktor der Sexarbeit wieder in den Fokus rücken – bei Angebot wie auch bei Nachfrage.

Virtual Reality als schwacher Ersatz

„Virtual Reality Sex“ (VRS), also das rein virtuelle Erleben sexueller Interaktion, könnte sich „als ergänzendes Tool zum klassischen Date“ entwickeln, sagte von Thardor, gab aber zu bedenken: „VRS bietet in Zeiten von ‚Social Distancing‘ und Bewegungseinschränkung die Möglichkeit, sexuelle Erfahrungen zu haben. (…). Aber die Sexarbeit lebt von menschlicher Interaktion; es ist das Erleben mit allen Sinnen, die eine Date zum richtigen Erlebnis machen. Diese Eigenschaften werden die Menschen auch in Zukunft zum Erwerb sexueller Dienstleistungen bringen.”

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Am 05.04.2020 erschien auf ORF.at ein Artikel mit dem Titel “Tourismus steuert ins Ungewisse”. Der Artikel beschreibt aktuelle und prognostizierte Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Tourismusbranche. Genauso wie der Tourismus lebt auch die Sexarbeit davon, dass Menschen sich schöne, interessante und unvergessliche Erfahrungen gönnen und leisten können wollen. Und davon, dass Menschen dort ihre Arbeitskraft einsetzen. Alles, was man der Tourismusbranche hier attestiert, gilt im mindestens selben, wenn nicht viel höheren Ausmaß ebenso für die Sexdienstleistungsbranche. Der große Unterschied ist jedoch: Für den Tourismus sagt sich das alles sehr selbstverständlich und unaufgeregt. Die Verfasser des Artikels und das Medium dürfen auf breites, interessiertes und hauptsächlich wohlgesonnenes Verständnis der Leserschaft hoffen.

Für die Sexarbeit ist dieses Verständnis und die Gewogenheit des Publikums alles andere als selbstverständlich. Es wäre zu erwarten, dass ein nicht zu unterschätzender Anteil der LeserInnen einen Artikel, der die Folgen von Corona auf die Sexarbeit thematisiert – und zwar wohlgemerkt OHNE den mitleidsheischenden Opferdiskurs zu bemühen, sondern einfach ganz sachlich und unaufgeregt über die Branche an sich spricht  – als Affront und Beleidigung durch eine solch obszöne Unwichtigkeit abtun würde. Daher habe ich es mir heute zur Aufgabe gemacht den ORF-Artikel umzuformulieren. Es sind nur jeweils die Worte für die branchenspezifischen Angebotsformen sowie die Namen der sprechenden Personen ausgetauscht worden.

Die dadurch beim Lesen entstehende Befremdung führt uns die Stigmatisierung der Sexarbeit eindrucksvoll vor Augen. Dieser Blogbeitrag ist also kein Tatsachenbericht, sondern eher ein soziolinguistisches Projekt, in welchem anhand eines Artikels Inhalt und Kontext ausgetauscht wurden, um die Selbstverständlichkeit des einen mit der Unselbstverständlichkeit des anderen zu kontrastieren und für Stigmatisierung zu sensibilisieren.

Der Beitrag stellt auch keinen Anspruch auf Richtigkeit. Ich persönlich würde etwa nicht zustimmen, dass Billigläden eine Bereicherung für ein Grätzl sind. Und selbst wenn sie es wären, dürfte die kulturelle Grätzlbereicherung nicht zulasten des Verdienstes von SexarbeiterInnen gehen. Aber das könnte man diskutieren. Wenn es hierzu einen Diskurs gäbe. In öffentlichen Medien gibt es diesen jedenfalls nicht. Aber hier sind wir frei: Feel free to comment! 🙂

6 Kommentare
  1. Stefan
    Stefan sagte:

    Hallo,
    Und erstmal ein großes Danke an deine Texte, welche die Sexarbeit für Leute beleuchtet, welche sich möglicherweise viel zu wenig damit beschäftigen, obwohl sie als mögliche Kunden oder Anbieter Teil des Ganzen sind!!

    Es gibt in diversen Foren momentan mehrere Diskussionen darüber, wie es mit der Sexarbeit weitergeht, nach dem Virus! Meiner persönlichen Einschätzung nach, könnte sich tatsächlich das Bewusstsein ändern, angefangen von Hygieneüberlegungen, bis hin zur Qualität! Billiger Paysex könnte durch qualitativ hochwertigen Paysex mit trotzdem leistbaren Preisen ersetzt werden, was einer SW zumindest den Verdienst erlaubt, der ihr auch zusteht, was wünschenswert wäre! Andererseits könnte auch die Billigsparte sich ausbreiten, da nach der Krise durchaus viele Menschen nur mehr wenig Geld haben (EDIT TVT: Vergleich Angebot mit Virus gelöscht).

    Einige Freier allerdings, so auch ich, haben momentan Zeit genug, sich zu überlegen, was man will, wenn die Zeit wiederkommt und man den speziellen SWs wieder einen Besuch abstatten kann!! Ich sage bewusst, den Speziellen, weil ich mich schon vor der Pandemie darauf besonnen habe, nicht mehr nur auf Gutdünken zu irgendeiner SW zu gehen, sondern bei meinen Leisten zu bleiben und nur mehr hauptsächlich jene Damen zu besuchen, mit denen ich gut klarkomme und die mir die Befriedigung verschaffen, die ich suche! Natürlich möchte man hin und wieder etwas neues probieren, was bei mir auf Grund der räumlichen (weil in Wien) und arbeitstechnischen (weil Schichtarbeiter) Gründe noch nicht stattgefunden hat, wie auch ein Date mit dir zum Beispiel zu buchen und wahrzunehmen!
    Trotzdem bin ich der Ansicht, dass der persönliche Paysex den virtuellen immer übertreffen wird, weil der persönliche Kontakt trotz allem die größte Befriedigung mit sich bringt!

    Wird es eine Ausdünnung der Lokale geben? Möglicherweise ja, denn auch die Kunden werden, wenn die Krise vorbei ist durchaus höhere Standards an Hygiene und Ausstattung eines Zimmers oder ganzen Etablissments fordern! Die Betreiber hätten gerade in dieser Zeit, bzw. nach Lockerung der wirtschaftlichen Beschränkungen die Möglichkeit, längst überfällige Reparaturen und/oder Erneuerungen an den Zimmern oder Lokalen vorzunehmen, welche es für SWs, welche zum Teil in jenen Zimmern ja auch leben (müssen) während ihres Aufenthaltes dort, es attraktiver machen würde, eher dorthin zu wechseln, wo es eine zumindest annehmbare Umgebung gibt, die das Arbeiten erleichtert, bzw. auch erfreulicher macht! Wird das passieren? Möglich, aber nicht wirklich vorstellbar, denn wer investiert schon, wenn es auch ohne geht..

    Ändern wird sich vermutlich einiges, ob zum Guten oder Schlechten für SWs, lässt sich nicht wirklich abschätzen, man kann nur spekulieren! Ich hoffe inständig, zum Guten!

    Lg Stefan

  2. Thorja von Thardor
    Thorja von Thardor sagte:

    Hallo Stefan,
    Danke dir vielmals für deinen Kommentar! Es freut mich, dass du Damen gefunden hast, mit denen du gut harmonierst und die du gerne wiederholt aufsuchst. Da gibt’s halt auch ganz unterschiedliche “Konsummuster”. Die einen genießen es, immer wieder was Neues zu wählen, die anderen bleiben “bei ihren Leisten”, wie du sagst. Wäre ich ein Kunde, ich glaube, ich wäre auch jemand, der maximal zu 1-2 Damen geht, wenn er mal welche gefunden hat, mit denen er gut klarkommt.
    Und ja, da gebe ich dir natürlich auch total recht: Virtuelle Vergnügen können das persönlich-reale niemals ersetzen. Das sind eher zwei verschiedene Paar Schuhe. Es gibt Bedürfnisse in die eine UND in die andere Richtung, glaub ich. Mit einigen Stammkunden hatte ich ein paar wirklich nette virtuelle Dates – da ist es aber auch nochmal was anderes, wenn man sich eh schon kennt.
    Was die Sanierung von Häusern betrifft, so denke ich, da werden die Verantwortlichen jetzt und auch direkt nach Ende der Beschränkungen halt noch viel weniger finanzielle Mittel dafür aufbringen können und wollen, zumal man ja nicht weiß, wie lange man noch den Gürtel enger schnallen muss. Dass jetzt keine Baufirmen tätig sein dürfen, das musste ich leider am eigenen Leib/Haus erfahren. Deshalb sitz ich im heutigen Video ja nicht im Garten, sondern auf einer Baustellenwüste! 🙂 Mehr oder weniger mitten unter der Arbeit an Terrasse und Wintergarten mussten die Firmen abziehen. 🙁
    Hm, naja, hoffen wir das Beste. Für viele KollegInnen ist es derzeit nicht leicht. Aber dann heißt es ja sofort “hätten sie halt Rücklagen gebildet!”. Seltsam, dass das so leichtfertig über SW gesagt wird, aber anderen Branchen viel voraussetzungsfreier Verständnis für deren Notlagen entgegengebracht wird. Sagt man hingegen als SW, dass man wegen Corona keine existenziellen Probleme hat – wie ich, dann ist man “privilegiert und ahnunslos”. Daran ist im übrigen immer Diskriminierung zu erkennen: Man erzeugt widersprüchliche Anforderungen, damit man an den Diskriminierten immer etwas aussetzen kann, egal was sie tun und wie sie sich positionieren. Und genau deshalb beschäftige ich mich mit den diversen Freierforen nicht mehr. Die Dynamik dort bildet nämlich genau das ab. Dort herrscht automatisch ein Ungleichgewicht zwischen den Kunden und AnbieterInnen, weil erstere anonym posten können. Wir dagegen sind immer als wir erkennbar und identifizierbar. Das sind schon mal komplett ungleiche Voraussetzungen der Teilnahme. Aber das ist eigentlich ein anderes Thema! 🙂 Vielen lieben Dank nochmal für deinen Kommentar, bleib gesund und komm gut durch diese seltsame Zeit!
    LG Thorja

  3. Koarl
    Koarl sagte:

    Servus Thorja,
    ich denke, dass der Billigsektor (Flattax) nur kurzfristig zurückgehen wird. Die “Geiz ist geil”-Mentalität ist schlicht sehr weit verbreitet. Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, werden ggf. auch Frauen in die Armutsprostitution gedrängt, und es wird auch genügend Freier geben die das gerne nutzen werden.

  4. Thorja von Thardor
    Thorja von Thardor sagte:

    Das ist wohl zu befürchten, ja. Demgegenüber ist davon auszugehen, dass im Hochpreissektor zumindest kurz-, mittelfristig die Preise steigen. Anfragen kommen ungebrochen herein – man wäre bereit, mehr oder weniger jeden Preis zu zahlen. Angesichts der Vorreservierungen müssen sich AnbieterInnen im Hochpreissegment Strategien überlegen, wie sie das am besten lenken. Eine von mehreren Strategien wäre etwa, den Preis zu erhöhen, bis es sich normalisiert.

    Die Schere zwischen Billig- und Hochpreisangebot wird also wohl eine Weile noch weiter auseinanderklaffen. Gewinner und Verlierer eben. Im Billigbereich sind uns noch dazu äußerst niederträchtige Erpressungsversuche bekannt. “Kunden” (Anführungszeichen deshalb, weil ein solches Verhalten für mich nicht mit dem Begriff des Kunden vereinbar ist) versuchen die Preise zu drücken, indem sie Druck ausüben und Notlagen ausnutzen: “Wir führen im Freierforum XY eine Liste mit Nutten, die in der Coronazeit arbeiten, damit die danach kein Geschäft mehr machen. Wenn du es mir jetzt nicht zum halben Preis besorgst, schreib ich dich da dazu.”

    Demgegenüber weiß ich aber auch von Gentlemen, die ihre Stammdamen in der für viele existenziellen Krise mit Vorausüberweisungen zur Überbrückung unterstützen. Und dann gibt es die, die sagen, sie würden niemals eine Spende für notleidende in Österreich gestrandete Sexworker zahlen, weil “mein Geld sonst eine kriegt, die mir ein schlechtes Service gemacht hat”. Was wohl bedeuten soll, wer schlechtes Service macht, kann jetzt ruhig verhungern. Das ist an Menschenverachtung nicht mehr zu überbieten.

    Diese Zeit jetzt erzeugt also sehr große Unterschiede. Für die einen ist sie ein Motor für Kreativität und neue Ideen, im Rahmen der Gesetze neue Angebote zu entwickeln, was natürlich nur dann möglich ist, wenn man nicht unter Existenzangst und Armutsgefährdung leidet. Für die anderen bricht die einzige, eh schon prekäre Einnahmequelle weg. Und wie wir aus der Armutsforschung wissen, ist man bei drohender oder manifester Armut dazu gezwungen, den Großteil seiner Zeit mit Bewältigung der Armutsfolgen zu verbringen (Wo bekomme ich das nächste Essen, wo schlafe ich kommende Nacht, woher krieg ich Geld für ein Ticket nach Hause etc – da hat man keine Zeit und Energie, um alternative Ideen zu entwickeln), was wiederum dazu führt, dass man den Erpressern leichter in die Fänge geht.

    Aber diese Zeit ZEIGT auch uns AnbieterInnen große Unterschiede in der Herangehensweise auf der Nachfrageseite. Wenn etwa P6-Interessenten in Vernaderungsabsicht Links zu Inseraten posten, die angeblich zeigen sollen, dass eine Dame verbotenerweise noch aktiv ist, dieselben Interessenten jedoch bei mir oder mir gut bekannten Kolleginnen, je nach Eloquenz entweder verzweifelt oder durch die Blume, aber nicht minder verständlich, um Dates anfragen, dann ist das auch für uns eine gute Gelegenheit, den Kundenstock zu bereinigen bzw mit anderen Augen zu sehen – weil ja durchaus hochinteressant sein kann, wie sich ein solcher Charakter beim Sex verhält.

    Aber davon sind wir ja derzeit noch weit entfernt. Auf jeden Fall wird die Post-Corona-Zeit eine spannende, in vielerlei Hinsicht! 🙂

  5. Hans
    Hans sagte:

    Geschätzte Thorja, auch ich nehme regelmäßig die Dienste einer SW in Anspruch und das schon seit Jahren weil meine Frau immer weniger darauf steht bzw auch aus anderen gründen. Ich habe mir 2 Stamm SW gefunden welchen ich die treue halte. Immer wenn ich die Dame im Studio besuche bringe ich etwas mit was ich in unmittelbarer Nähe des Studios kaufe ( Blumen usw …) Ich hoffe dass nach dieser sonderbaren Situation die Studios wieder alle wie gewohnt öffnen . Eine Frage an dich hätte ich noch: Wirst du ein Buch herausbringen? Oder einen mehrteiligen Band ?
    LG Hans

  6. Kater
    Kater sagte:

    Servus Thorja,

    danke für diesen Artikel, bzw. für dieses “soziolinguistische Projekt”. Bei mir ist während des Lesens überhaupt kein Befremden entstanden. Im Gegenteil hat sich mehr und mehr der Eindruck verstärkt, dass genau das der Stil ist, in dem Berichte über die Sexbranche verfasst werden sollten. Leider geschieht dies viel zu selten. Das auch damit zu tun, dass es keine Lehrstühle für “Innovation und Management in der Sexarbeit” gibt.

    Vor allem aber damit, dass die meisten Journalisten am Thema vorbei schreiben. Es geht kaum um die Branche an sich, es geht kaum um die Arbeitsbedingungen und die mögliche Verbesserung derselben, es geht noch seltener um die Entwicklung (im Tourismus bspw. selbstverständlich: Wie schaffen wir höhere Wertschöpfung, wie können wir noch attraktiver für unsere Gäste werden). Es geht fast immer darum, dass Prostituierte Opfer sind, die man am besten so rasch wie möglich von ihrem Job wegziehen sollte. Diese öffentliche Verunglimpfung des Berufs – wenn auch gar nicht immer bös gemeint – führt halt am Ende leider dazu, dass wenige Sexarbeiterinnen so selbstbewusst zu ihrem Job stehen wie Du. Dieses Selbstbewusstsein ist aber die Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung des Berufsstands.
    Alles Liebe, und bleib gesund 🙂

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